ADHS Medikamente - Stimulanzien (z.B. Ritalin, Elvanse) wirken möglicherweise anders als bisher angenommen

Neue Erkenntnisse zur Wirkweise von ADHS-Medikamenten: Nicht Aufmerksamkeit, sondern Wachheit und Belohnung

Eine im Dezember 2025 in der renommierten Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie stellt eine bislang weit verbreitete Annahme zur Wirkweise von Stimulanzien bei ADHS infrage. Das Forschungsteam um Dr. Benjamin Kay und Prof. Dr. Nico Dosenbach von der Washington University School of Medicine in St. Louis zeigt anhand umfangreicher Bildgebungsdaten, dass Stimulanzien wie Methylphenidat offenbar nicht primär auf die Aufmerksamkeitsnetzwerke des Gehirns wirken, wie lange angenommen wurde, sondern auf Netzwerke, die mit Wachheit (Arousal) und Belohnungsverarbeitung assoziiert sind.

Grundlage der Studie

Die Forschungsgruppe wertete Ruhezustands-fMRT-Daten von 5.795 Kindern im Alter von acht bis elf Jahren aus, die im Rahmen der US-amerikanischen ABCD-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development Study) erhoben wurden – einer der größten Langzeitstudien zur kindlichen Hirnentwicklung. Von diesen Kindern hatten 337 am Morgen der Untersuchung ein Stimulans eingenommen. Ergänzend führte das Team eine kontrollierte Studie mit fünf gesunden Erwachsenen durch, denen 40 mg Methylphenidat verabreicht wurde, um die Befunde unter kontrollierten Bedingungen zu überprüfen.

Zentrale Ergebnisse

Die bisherige Lehrmeinung ging davon aus, dass Stimulanzien gezielt jene Hirnregionen aktivieren, die für die willentliche Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig sind – etwa das dorsale Aufmerksamkeitsnetzwerk. In der aktuellen Studie ließ sich dieser Effekt jedoch nicht nachweisen. Stattdessen zeigte sich eine deutliche Aktivierung von Netzwerken, die mit Wachheit und Belohnungsbewertung in Verbindung stehen. Das Aktivierungsmuster ähnelte dabei demjenigen, das nach ausreichendem, erholsamem Schlaf beobachtet wird.

Die Autoren interpretieren dies so, dass die klinisch beobachtete Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung unter Stimulanzien ein sekundärer Effekt sein könnte: Kinder und Erwachsene werden wacher und empfinden eine Aufgabe als lohnender, wodurch es ihnen leichter fällt, bei dieser Aufgabe zu bleiben – nicht, weil die Aufmerksamkeitssteuerung selbst direkt gestärkt wird.

Klinische Bedeutung

Dr. Kay, der als Kinderneurologe selbst regelmäßig Stimulanzien verordnet, betont, dass dieser Befund eine Neubewertung der Verordnungspraxis nahelegt: Da das beobachtete Wirkmuster demjenigen von gutem Schlaf ähnelt, könnten bei einem Teil der Kinder, die mit ADHS-Verdacht vorstellig werden, unzureichender Schlaf und daraus resultierende Konzentrationsprobleme eine relevante Rolle spielen – unabhängig von einer tatsächlichen ADHS-Diagnose. Die Studienautoren plädieren daher dafür, Schlafqualität und Schlafdauer bei der diagnostischen Abklärung von Aufmerksamkeitsproblemen stärker zu berücksichtigen, bevor eine medikamentöse Behandlung eingeleitet wird.

Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass eine dauerhafte medikamentöse Kompensation von chronischem Schlafmangel möglicherweise nicht folgenlos bleibt und langfristige Auswirkungen bislang nicht ausreichend untersucht sind.

Einordnung

Die Studie verändert nicht die grundsätzliche Wirksamkeit von Stimulanzien in der ADHS-Behandlung, liefert jedoch ein präziseres neurobiologisches Verständnis dafür, warum diese Medikamente wirken. Für die klinische Praxis bedeutet dies: Eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung – insbesondere hinsichtlich Schlafverhalten und Schlafqualität – bleibt ein wichtiger Bestandteil einer fundierten ADHS-Diagnostik, bevor über eine medikamentöse Behandlung entschieden wird.

 

Kay, B. P., Wheelock, M. D., Siegel, J. S., Raut, R. V., Chauvin, R. J., Metoki, A. et al. & Dosenbach, N. U. F. (2025). Stimulant medications affect arousal and reward, not attention networks. Cell, 188(26), 7529–7546.e20.